Die Bahn kommt wieder

Kirchmöser bleibt ein Bahnstandort und erhält morgen eine Lokomotive als Wahrzeichen
Wenn am morgigen Donnerstag der Ortsteil Kirchmöser mit einer Güterzug-Lokomotive der legendären Baureihe 52 ein neues Wahrzeichen erhält, so ist das zweifelsohne beste Anerkennung für den so traditionsreichen Bahnstandort. Begonnen hatte einst alles nach dem Ende des Ersten Weltkrieges (1918), als die Königlichen-Preußischen Pulverfabriken, deren Aufbau erst vier Jahre zuvor auf einem riesigen Areal von nahezu 550 Hektar eingeleitet worden war, ihre Produktion einstellen mussten. Neuer Eigentümer der Werksanlagen und von mehr als 220, zumeist wuchtiger Backsteingebäude, wurde die Reichsbahn (1919). Gemäß einer bis 1925 in sämtlichen deutschen Ausbesserungswerken erfolgten Umstrukturierung wurden nun auch in dem noch jungen Kirchmöser (bis 1914 nur Möser) ganz bestimmte Lok-Baureihen instandgesetzt. Dr. Friedrich Neesen als Direktor des Eisenbahnwerkes Brandenburg-West, wie die erste Bezeichnung dieses aufstrebenden Betriebes lautete, führte damals bereits die Fließfertigung beim Aufarbeiten der Dampfrosse ein.
Zum Ausklang des Jahres 1922 hatte dort nämlich der Bau eines Werkes speziell für Lokomotiven begonnen, genau an jenem Ort, wo sich einst das Areal des Feuerwerkslaboratoriums der Pulverfabrik befand. Hinzu kamen auf dem weitläufigen Gelände mit seinen sich ständig erweiternden Straßen und Schienensträngen (mehr als 30 Kilometer) ein so genanntes Zentralwerk, zu dem unter anderem Spezialbreiche wie beispielsweise für Weichen gehörten. Neben einem leistungsfähigen Kraftwerk hatte mittlerweile auch eine chemische Versuchsanstalt in diesem Giganten, der vor acht Jahrzehnten erstmals als Reichsbahnausbesserungswerk Brandenburg-West firmierte, ihren Platz erhalten. Hier, wo nun Lokomotiven ebenso wie Waggons nach modernen Methoden repariert bzw. gewartet wurden, fanden inzwischen schon nahezu 2.800 Arbeiter und Angestellte ihr Auskommen.
Mit dem Aufblühen des RAW, das zu den größten in Deutschland avancierte, ließ die Reichsbahn im bis dahin sehr beschaulichen Kirchmöser mit seinen 600 Einwohnern (seit 1916 mit Bahnhof an der Strecke Berlin - Magdeburg) viele Wohnungen errichten. Dem zeittypischen Stil angepasst, entstanden die Häuschen als eine Art Gartenstadt in Kirchmöser-West und -Ost (heute unter Denkmalschutz). Selbst eine Filiale der Sparda-Bank - Eisenbahner Spar- und Darlehenskasse - etablierte sich dort.
Der zweite Weltkrieg und die damit seitens des nationalsozialistischen Deutschlands einhergehenden Eroberungspläne hatten erhebliche Auswirkungen auf das florierende Bahnzentrum Kirchmöser. So erfolgte 1942 die komplette Demontage des Lok-Werkes, dessen Anlagen auf fast 300 Güterwaggons in Richtung Ukraine rollten. Aber sie wurden dort, wie man heutzutage weiß, nie aufgebaut. Unterdessen ging mittels der verbliebenen anderen Ausrüstungen die Tätigkeit im RAW Brandenburg-West mehr oder weniger gut weiter. Sie wurde über Lokomotiven und Waggons hinaus zunehmend von der Rüstungsproduktion, bei verstärktem Einsatz von Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern, bestimmt. Vor allem Panzer sowie dafür benötigte Teile wurden nun gebaut (Panzerwerk).
Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden etliche Anlagen des Bahnstandortes binnen weniger Monate demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verschickt. Die Rote Armee nutzte die verbliebene Rüstungslogistik für ein eigenes Panzerreparaturwerk in Kirchmöser. Bereits im Sommer 1945 hatte innerhalb des RAW Brandenburg-West mit großen Mühen die Instandsetzung des arg in Mitleidenschaft gezogenen Zentralwerkes begonnen, in dem alsbald wieder Lokomotiven und Waggons repariert und und geprüft werden konnten. Etappenweise entwickelte sich Kirchmöser - seit 1952 ein Brandenburger Ortsteil - dank der Arbeit Tausender wieder zum bedeutenden Bahnstandort. Sein Ruf reichte weit über die regionalen Grenzen hinaus, zumal in den 50-er Jahren noch ein Weichenwerk mit seinen auch im Ausland begehrten Fabrikaten hinzukam. Viele Arbeiter wohnten nicht in Kirchmöser. Sie fuhren häufig mit dem Zug zur Schicht. Etliche Personenzüge auf der Strecke Brandenburg - Magdeburg fuhren direkt ins Werk. Andere Werktätige nutzten die Straßenbahnverbindung über die Seegartenbrücke.
Unmittelbar mit dem Namen des RAW Kirchmöser verbunden, präsentierte sich zu jener Zeit das "Klubhaus der Eisenbahner" als Nachfolgeeinrichtung des legendären Seegartens. Mit seinen zahlreichen Interessengemeinschaften, einschließlich Männerchor, eigener Kapelle sowie einer Vielzahl von Veranstaltungen im riesigen Saal erfreute es sich großer Beliebtheit. Zum anderen lehrten die Fußballer der Betriebssportgemeinschaft Lok Kirchmöser (mit einer Lokomotive im Emblem) auf einem nahen und kleinen Schlackeplatz den Gegnern oft das Fürchten. Die BSG verfügte unter anderem auch über gute Boxer und Akrobaten. Schließlich sei daran erinnert, dass sich ab 1957 im einstigen Verwaltungsgebäude der Pulverfabrik bis über die Jahrtausendwende hinweg die Hals-Nasen-Ohren- sowie die Chirugische Abteilung des Städtischen Klinikums etabliert hatten. Das Reichsbahnausbesserungswerk stellte 1964 die Güterwagenreparaturen ein. Ein Jahr später strebte der Betrieb (er verfügte inzwischen über eine eigene Berufsschule), nun als Werk für Gleisbaumechanik nach neuen Meriten. Übrigens, für dessen Beschäftigte gab es alle zwei Wochen die "WGM-Rundschau" (Redakteur bis 1974 war der kürzlich gestorbene Rolf Rohr). Mit der Zentralen Prüf- und Entwicklungsstelle des Verkehrswesens (ZPEV) sowie einer Eisengießerei von Carl Zeiss Jena wurde Kirchmöser zusätzlich aufgewertet. Nach der politischen Wende (1989) gab es umfassende strukturelle Veränderungen, vieles wurde in den Folgejahren privatisiert. Längst nicht alles zum Vorteil des Ortsteils. Mittlerweile aber wird der traditionsreiche Industriestandort mit großem Aufwand Schritt für Schritt revitalisiert. So entstanden und entstehen ergänzend zu mehreren verbliebenen bahntypischen Betrieben unter dem Wahrzeichen des 65 Meter hohen Wasserturmes sowie unweit des Bahnstrom-Kraftwerkes neue Unternehmen verschiedener Spezifik. Sie alle hoffen darauf, dass Kirchmöser möglichst bald neben dem günstigen Eisenbahnanschluss, einer Buslinie und der modernen Seegartenbrücke endlich eine direkte Verbindung zur Autobahn erhält. Ungeachtet dessen: Auf die Lokomotive, die nun morgen für immer ihren Platz gewissermaßen am "Werktor" erhält, lässt man allerdings bestimmt nichts kommen.
Brawo, 23. April 2008, Von Manfred Lutzens