Waschgang mit Bakterien

Altlastenexperten verwandeln die trübe giftige Brühe in sauberes Wasser
Sie vertilgen böse Substanzen, die Männer in Frauen verwandeln, und Gifte, die Kopfschmerzen hervorrufen und den Atem lähmen. Im Industriegebiet Kirchmöser-Süd bekommen die nützlichen Bakterien reichlich Futter. Seit rund zwei Monaten fressen sie täglich Umweltgifte wie Alkylphenole, Naphtalin und Benzel. Die Schadstoffe stammen aus der Gasgeneratorenstation, die zwischen 1953 und 1971 in Betrieb war.
Seit zwei Monaten reinigt Isido Oviedo mit seiner Firma Delta-Umwelt-Technik das giftige Erbe. Das nach mehreren Waschgängen von Schadstoffen befreite Wasser fließt in den eigens angelegten Graben und kann dort versickern. Anne Baldauf und Carmen Jaggi zeigen den Unterschied zwischen vorher und nachher.
Die Mitarbeiterin des Umweltamtes hält ein Glas mit sehr dunkelblauer Flüssigkeit in die Luft, der Betrachter könnte sie wegen der Schaumkrone glatt für Altbier halten. Doch wer davon trinken würde bekäme keinen Schwips, sondern würde die „feminisierende Wirkung“ zu spüren bekommen, wie Carmen Jaggi es ausdrückt. Dem gegenüber ist das behandelte Wasser in ihrem Glas klar und sauber.
Carmen Jaggi ist Geschäftsführerin der im TGZ ansässigen Firma „Pro Umwelt“, die die Wasseraufbereitung und –reinigung in Kirchmöser geplant hat. Mit Hilfe von fünf Brunnen wird das belastete Wasser im Umfeld der ehemaligen Gasgeneratorenstation gefördert und durch Rohre zur Reinigungsanlage geführt.
Für die Bakterienkulturen im ersten von mehreren Behältern sind die Schadstoffe Nahrungsmittel. Im ersten Schritt schaffen sie es, etwa 20 Prozent der Gifte zu verschlingen, berichtet Hartwig Ahrends, Diplom-Geologe bei der Firma „Pro Umwelt“. Das vorgereinigte Wasser gelangt in einen zweiten Riesenbottich, wo die Schadstoffe mit einer Sauerstoff-Ozon-Mischung gespalten werden.
Im dritten und vierten Schritt wiederholen die Altlastenspezialisten das biologische und das Oxidationsverfahren, bis das Gift zu 95 Prozent aufgefressen oder in Kohlendioxid verwandelt ist. Die verbleibenden 5 Prozent schafft die Aktivkohle. Erst wenn das Wasser den dritten so genannten Polizeifilter passiert hat, ist es nachweislich rein von allen Giften.
„Die Sanierung ist sehr effektiv“, bestätigt Anne Baldauf vom Umweltamt. Von errechneten 38.000 Kubikmetern belasteten Grundwassers ist bisher ungefähr ein Drittel gereinigt. 3,1 Tonnen Alkylphenole sind beseitigt, insgesamt 6,5 Tonnen Schadstoffe. Diese Arbeiten können allerdings vorerst nur bis Ende November weiterlaufen, wenn die Förderperiode endet, also das Geld ausgegeben ist, mit dem die Herrichtung des Industriegebiets Kirchmöser-Süd bezahlt wird.
Das gilt auch für die normale Wasserhaltung, die „Pro Umwelt“ im Gebiet der Baustelle geplant hat. Denn auch das weitgehend unbelastete Grundwasser aus anderen Stellen des Industriegebiets wird vorsichtshalber gereinigt. Wann immer Tiefbauer das Grundwasser absenken müssen, um Leitungen verlegen zu können, wird es über ein Rohrsystem, zu den Aktivkohlefilter-Behältern geleitet, die nahe der Feuerverzinkerei stehen. Bis zu 450 KubikmeterWasser, das sind mehr als 2000 Badewannen voll, können die Filter pro Stunde verarbeiten. Wasserflöhe, die empfindlich auf Verschmutzung reagieren, zeigen, dass die Reinigung erfolgreich ist. Sie fühlen sich offenkundig wohl in dem Graben, der die gefilterte Flüssigkeit aufnimmt.
Artikel aus der Märkischen Allgemeinen vom 10.10.2007 - Jürgen Lauterbach