Sie versprüht unglaublich viel Energie, Tatendrang, Charme und Aufgeschlossenheit und macht zugleich keinen Hehl daraus, dass sie bereits 62 Jahre alt ist. Sie will auf jeden Fall die 65 als Berufstätige erleben. Und sie ist die erste und auch einzige Frau in leitender Stellung, die wir in unserer Serie über das Wachsen und Werden des Industriestandortes Kirchmöser vorstellen können – Dr. Ingeborg Wiegers, Leiterin vom Umweltservice und Hygiene-Sachverständige des Deutsche Bahn-Konzerns.
„Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass wir hier im Bahn-Umwelt-Zentrum zu einem Leuchtturm im Bereich der Bahn geworden sind. Wir haben hier neue Dienstleistungen und eine neue Produktpalette entwickelt. Das ging nur mit einer Riesenportion Energie und sehr viel Engagement mit all meinen Mitarbeitern. Man muss schon ein paar besondere Eigenschaften mitbringen, damit man Erfolg hat. Für mich heißt das zum Beispiel, immer wieder neue Ideen zu haben, kreativ zu sein. Und eine Portion gesunder Menschenverstand gehört auch dazu.“
Die studierte Medizinerin und Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin arbeitet in einem der schönsten Jugendstilgebäude am Bahntechnikerring. In dem allgemein nur Chemiegebäude genannten Haus geht es seit 1914 im weitesten Sinne schon immer um die Chemie. Anfangs war hier das Labor der Pulverfabrik untergebracht, zu DDR-Zeiten ging es um Forschung und Umweltschutz. „Ich bin jetzt zwar erst seit 1997 hier, aber den Bahnstandort Kirchmöser kenne ich eigentlich schon seit dem Ende meiner Ausbildung. Ich war auf meinem Fachgebiet im Medizinischen Dienst des Verkehrswesens der DDR als Leitende Ärztin eingesetzt und kannte dadurch auch hier jeden Arbeitsplatz.“ Was nicht zuletzt bedeutet, dass die 62-Jährige Familien kennt, wo schon Großeltern, Eltern und Kinder in Diensten der Bahn standen und stehen.
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 Dr. Ingeborg Wiegers ist Leiterin vom Umweltservice und Hygiene-Sachverständige des Deutsche Bahn-Konzerns.
Fotos: ger
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Die Wende brachte wie für die meisten Menschen in dieser Gegend auch für Ingeborg Wiegers nicht nur Neues, sondern eine Reihe von Unsicherheiten, warf immer wieder Fragen zu beruflichen Perspektiven auf. So wurden mit der Abwicklung des Medizinischen Dienstes des Verkehrswesens der DDR viele Mitarbeiter entlassen oder – wie sie – in den Bahnärztlichen Dienst der Reichsbahn übernommen. In den Jahren 1990 bis 1993 war sie Leitende Ärztin für Hygiene und Umweltmedizin, zuletzt zuständig für das gesamte Gebiet der neuen Bundesländer. Mit der Bildung der Deutsche Bahn AG 1994 hat sich ihr Verantwortungsbereich auf ganz Deutschland ausgedehnt, und ihre Funktion im Bahn-Umwelt-Zentrum ist eingebunden in das Vorstandsressort Verbundsystem.
„Es war vor neun Jahren gar nicht so leicht, hier sofort Fuß zu fassen und anerkannt zu werden, denn es gab viele über Jahre gewachsene Strukturen. Es bedarf stets vielfältigster Anstrengungen, damit meine Ideen von allen mitgetragen werden.“ Mit verschmitztem Lächeln fügt die Powerfrau hinzu, dass sie in ihrer Leitungstätigkeit ein wenig der Devise folgt: „Bei mir gibts Zuckerbrot und Peitsche!“ Die Frage, ob das auch im Privatbereich in 41 Ehejahren das Motto des Erfolgs war, blieb allerdings offen. Tatsache indes ist, dass die Familie – ein erwachsener Sohn gehört dazu – aufgrund der Arbeit schon immer auf die Frau und Mutter längere Zeit verzichten musste, dass Ingeborg Wiegers selbst schon immer Abstriche an der eigenen Freizeit machte. „Ich tue das aber gern, denn ich habe schon während des Studiums mein Leben organisieren müssen. Immerhin war ich bereits verheiratet, und wir hatten schon damals unser Kind. Eine ganz entscheidende Erfahrung auch in dieser Hinsicht für mich war das Erlernen eines Berufes. Ich kam aus einer Handwerkerfamilie und bekam natürlich nicht gleich einen Studienplatz – Quotenregelung! So wurde ich Hygieneinspektorin, was mir so viel Freude bereitet hat, dass ich in dieser Richtung dann auch studiert habe.“
Die Medizinerin hat es sich in ihrem Berufsleben nie leicht gemacht, wie sie betont, sie hat nie den leichtesten Weg gewählt. „Zum Beispiel nach der Wende. Es war unglaublich schwer, den Verantwortlichen der DB klar zu machen, dass es aus der DDR-Zeit auch Dinge gibt, die es wert sind, mindestens beachtet zu werden. Beim Aufbau des Bahn-Umwelt-Zentrums, eines Bereichs, wo es besonders um die interdisziplinäre Zusammenarbeit geht, war das für mich schon eine besondere Herausforderung.“
Zu den Erfolgen, auf die Ingeborg Wiegers inzwischen zurückblicken kann, gehört der Aufbau eines gut funktionierenden Hygienesystems, das unter den europäischen Bahnen eine Spitzenstellung einnimmt. Dazu gehören beispielsweise der Infektionsschutz, die Trinkwasserversorgung in jedem Schienenfahrzeug und die Errichtung von entsprechenden Befüllstationen, die Beratung bei der Neugestaltung von Bahnfahrzeugen und vieles mehr. Entscheidende Arbeitsaufgaben für die Kirchmöseraner Spezialisten sind
Altschotter-, Abfall- und Bodenuntersuchungen für die Fahrweginstandsetzung bzw. Neu- und Umbaumaßnahmen. Weiter geht es um die Prüfung und Bewertung von Gefahrstoffen, ökologischen Notfällen und Anlagen der Eisenbahninfrastruktur.
Das Bahn-Umwelt-Zentrum ist im wahrsten Sinne auch ein Leuchtturm in und für unser Kirchmöser. „Ich bin überzeugt, dass wir hier viel zum Erhalt der Arbeitsplätze getan haben“, betont Dr. Wiegers. Allein die Tatsache, dass von den inzwischen rund 100 Arbeitsplätzen sechs in diesem Jahr neu hinzugekommen sind, belegt das. „Aber wir könnten uns mit unseren Dienstleistungen hier im Territorium noch mehr einbringen. Ein Beispiel. So hatten wir trotz der vollen eigenen Auftragsbücher der Stadt angeboten, dass unser hier ansässiges Umweltlabor die Sanierung des Gebietes des ehemaligen Panzerreparatur- und Walzwerkes unterstützt. Aber man hat sich für auswärtige Firmen entschieden. Das verstehe ich heute noch nicht.“